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Börsen-Zeitung: Aktien for longer / Kommentar zur Investmentpolitik von Werner Rüppel

Frankfurt (ots) – Low for longer, diese Erwartung hat sich nach den jüngsten Zinsentscheiden der Europäischen Zentralbank (EZB) bei den Anlegern manifestiert. “Immer mehr Investoren gehen davon aus, dass die Zinsen länger unten bleiben”, stellt Rainer Matthes von Metzler Asset Management fest. “Wir sehen das auch bei unseren institutionellen Kunden.”

Der Anleihemarkt spiegelt diese Erwartung bereits vollständig wider. Nicht allein, dass die EZB den Zins am kurzen Ende abgeschafft hat und für Einlagen Negativzinsen erhebt. Auch für Bundesanleihen (Bunds) mit einer Laufzeit von zehn Jahren gibt es “nischt”. Und eine Laufzeitverlängerung auf 30 Jahre bringt bei Bunds die Rendite gerade einmal auf 0,6% im Jahr. Zehnjährige französische Staatsanleihen (OATs) werfen ebenfalls nur 0,4% p.a. ab. Auch US-Staatsanleihen, die für zehnjährige Laufzeiten eine Rendite in Dollar von rund 2,5% bieten, sind keine gute Wahl, zehren die hohe Kosten der Währungssicherung den Renditevorteil doch fast vollständig auf.

Insgesamt sind die Anlagealternativen besonders auf der Anleiheseite rar, zumindest wenn die Anleger kein extrem hohes Risiko eingehen wollen, wie zum Beispiel mit Papieren, die von den Ratingagenturen nicht mit Investment Grade bewertet werden. Als interessante Option wertet Metzler die Beimischung von Nachranganleihen, die von Unternehmen mit Investment Grade begeben werden. Hier ist noch eine Rendite von rund 2% p.a. möglich.

Mehr Alternativen tun sich für Anleger mit Aktien auf. Denn insbesondere europäische Beteiligungspapiere offerieren hohe laufende Ausschüttungen. So beträgt nach Berechnungen der DZ Bank die für das kommende Jahr erwartete Dividendenrendite des Euroland-Leitindex EuroStoxx satte 4,1% und die des Deutschen Aktienindex Dax hohe 3,7%. Wie das genossenschaftliche Spitzeninstitut feststellt, übersteigt die Dividende von Aktien die Verzinsung von Anleihen wie seit langer Zeit nicht mehr. Die gefallenen Kapitalmarktrenditen erhöhten die relative Attraktivität von Aktien gegenüber Anleihen und fördern “somit den Kapitalfluss in Richtung Aktien”.

Hinzu kommt, dass insbesondere die europäischen Aktienmärkte gegenüber dem amerikanischen Nachholbedarf haben und keinesfalls extrem hoch bewertet erscheinen. Alles in allem bedeutet “low for longer” daher “Aktien for longer”. Die DZ Bank hat dies in der vergangenen Woche berücksichtigt, indem sie ihre Dax-Prognose per Mitte 2020 auf 13.000 Punkte erhöht hat.

Für institutionelle Investoren wie Versicherungen und Pensionskassen hat diese einfache Rechnung aber einen Haken. Sie verfügen, meist aus regulatorischen Gründen, häufig nur über eine limitierte Aktienquote. Zudem scheuen viele Adressen Dividendentitel aufgrund ihrer starken Schwankungen. Doch will zum einen auch eine niedrige Aktienquote ausgeschöpft sein. Zum anderen gilt es, um in der Niedrigzinsphase ein auskömmliches Ergebnis zu erreichen, stets nach Möglichkeiten zu schauen, die potenzielle Aktienquote zu erhöhen. Darüber hinaus weisen Aktien, auch bei diversifizierter Anlage, höchst unterschiedliche Risikograde auf.

So sind zyklische Titel wie zum Beispiel die Autoindustrie als sehr riskant einzustufen, insbesondere in Zeiten, in denen der US-Präsident einen Handelskrieg mit China führt. Auch mitunter extrem hoch bewertete Technologieaktien sind eher etwas für den “Risk Lover”. Wer stetige und stabile Erträge ähnlich wie bei Anleihen sucht, der fährt mit defensiven Branchen wie Versicherern oder ausgewählten Telekommunikationsgesellschaften besser. Oder auch mit Immobilienaktien, die weiter von dem Niedrigzinsumfeld profitieren.

An Attraktivität gewinnen vor allem auch die Dividendenaristokraten, sprich Aktien, die durch hohe, stabile und über die Jahre meist steigende Ausschüttungen überzeugen. Trotz der jüngsten Kursgewinne bietet Vonovia noch eine Dividendenrendite von 3,4%, und Aristokraten wie Allianz und BASF kommen gar auf 4,7% und 4,9%. Vieles spricht dafür, dass die Einschätzung “low for longer” gerechtfertigt ist. Daher stellt es für Anleger, und gerade auch für institutionelle Investoren, durchaus ein Risiko dar,keine oder zu wenig Aktien zu besitzen.

(Börsen-Zeitung, 11.05.2019)

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