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Börsen-Zeitung: Der Wert der Strategie, Kommentar zu Siemens von Michael Flämig

Frankfurt (ots) – Siemens zahlt einen hohen Preis für die US-Softwarefirma Mentor Graphics. Angesichts der Multiples läuft es selbst feurigen M&A-Strategen kalt den Rücken herunter. Je nach Rechenweise addieren sich erst die operativen Gewinne von 15 bis 20 Jahren auf jene 4,5 Mrd. Dollar, die die Münchner auf den Tisch legen. Sie spendieren fast das Vierfache des Mentor-Umsatzes. Zum Vergleich: Beim Zukauf der US-Softwareschmiede UGS im Jahr 2007 wurde knapp das 3-Fache des Umsatzes ausgegeben, und schon dies galt als ambitioniert.

Trotzdem haben die Anleger keineswegs schockiert reagiert. Die Siemens-Aktie ging mit einem Plus von knapp 1% aus dem Handel und schnitt damit sogar leicht besser ab als der Deutsche Aktienindex. Zukäufe stehen im Jahr 2016 eben hoch im Kurs. Fast alles scheint erlaubt. Solche Phasen gibt es immer wieder an den Finanzmärkten. Aber ist auch alles sinnvoll?

Die Grenze zwischen Fantasiepreisen und strategisch berechtigten Ausgaben ist schwer zu ziehen. Was heute sportlich erscheint, kann morgen angemessen sein und übermorgen schon wieder als irrsinnig eingestuft werden – je nach Branchenkonjunktur. Auf jeden Fall stimmt es misstrauisch, wenn Wertmaßstäbe für Akquisitionen über Bord geworfen werden. Siemens hat dies schon vor zwei Jahren getan. Zukäufe müssen nicht mehr nach drei Jahren einen positiven Geschäftswertbeitrag liefern. Für Mentor Graphics wird dieser Zeitpunkt gar nicht mehr genannt. Er dürfte in sehr ferner Zukunft liegen.

Doch wer sein Urteil allein auf Finanzmathematik stützt, der macht es sich zu leicht. Strategie zahlt sich zuweilen auf anderem Weg aus. Mentor hat das Potenzial, so ein Fall zu werden.

Erstens spricht dafür die Vorgeschichte: UGS wurde exzellent integriert, und das Management hat das Know-how des Zukaufs gehebelt. Ein ähnlicher Erfolg zeichnet sich beim jüngsten Software-Neuerwerb CD-Adapco ab. Zweitens sollte sich Siemens im Wettlauf mit General Electric & Co. zur Industrie 4.0 aus zwei Gründen sputen. Zum einen gilt es Standards zu setzen, dann läuft das Geschäft künftig fast von allein. Zweitens muss schnell eine umfangreiche installierte Basis aufgebaut werden, denn so fließen hochmargige Serviceerträge.

Strategie hat also ihren Wert. Je höher die Preise sind, desto mehr schrumpft allerdings der Spielraum für Irrtümer. Wenn zugleich ein berechenbares Geschäft wie die Medizintechnik schrittweise abgegeben wird, steigert dies zusätzlich das Risiko der Siemens-Aktie – allerdings auch den potenziellen Ertrag aus diesem Investment.

Pressekontakt: Börsen-Zeitung Redaktion Telefon: 069–2732-0 www.boersen-zeitung.de

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