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Börsen-Zeitung: No deal – no worries, Marktkommentar zum Brexit von Dietegen Müller

Frankfurt (ots) – Ein ungeregelter Brexit sollte für die Finanzmarktstabilität keine Risiken bergen. Dies ist die Auffassung verschiedener Aufsichtsbehörden. Am Donnerstag hat auch Steven Maijoor, Chef der europäischen Marktaufsicht ESMA, im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten erneut erklärt, der Markt sei “adäquat” vorbereitet. Schließlich habe sich auch seine Behörde seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 auf ein No-Deal-Szenario vorzubereiten begonnen. Über verschiedene Vereinbarungen soll sichergestellt sein, dass systemkritische Marktsegmente, etwa die Verrechnung von auf Euro lautenden Zinsderivaten, nicht durcheinandergebracht werden.

No deal, no problem? Der Markt geht auch nach der Verschiebung des möglichen Cliff-Edge-Brexit-Datums nun auf den 12. April nicht wirklich davon aus, dass Großbritannien die Europäische Union ohne vertragliche Vereinbarung verlassen wird. Das britische Pfund legte nach dem EU-Gipfel gegenüber dem Euro um mehr als 1 Prozent zu, was aber nicht nur an der von der EU gewährten Fristverlängerung lag, sondern auch an schwachen Konjunkturdaten aus der Eurozone, namentlich aus der deutschen Industrie.

Doch ganz so einfach dürfte es wohl nicht werden, wenn die britische Insel ungeregelt austreten sollte. Da wäre zum einen die ungeklärte Frage, welche Wertpapiere wo handelbar sein werden. So hat die ESMA eine Art “Positivliste” mit mehr als 6000 liquiden Aktien veröffentlicht, die von EU-27-Marktteilnehmern nach einem No Deal nur auf Handelsplattformen in einem EU-27-Land gehandelt werden dürften. Auch 14 britische Titel dürften dann von EU-Gegenparteien nicht mehr in London gehandelt werden. Dazu gehören prominente Namen wie Vodafone, GlaxoSmithKline, BP, BHP und Rio Tinto.

Die Einteilung der ESMA erscheint etwas willkürlich: Laut Rosenblatt Securities haben nur drei dieser Titel 2018 einen Handelsumsatz von mehr als 50 Prozent auf den EU-27-Handelsplattformen ausgewiesen. Doch die ESMA erklärt, die EU-Kommission habe den britischen Handelsplattformen keine Äquivalenzanerkennung im Fall eines Hard Brexit ausgesprochen – anders als bei Clearinghäusern. Deshalb gelte für die erwähnten britischen Titel eine Handelspflicht in der EU-27. Im Hintergrund spielt hier hinein, dass die EU mit der Schweiz um ein Rahmenabkommen ringt und der Schweizer Börse Six nur eine begrenzte Äquivalenzanerkennung bis Ende Juni erteilt hat. Die britische Finanzaufsicht FCA ihrerseits behält sich nun vor, eine Handelspflicht auf britischen Börsenplattformen im Fall des ungeregelten Brexit auszusprechen. Dadurch könnten laut dem Marktinfrastrukturspezialisten Fidessa besonders jene kontinentaleuropäischen Aktien betroffen sein, bei denen der Anteil des Handelsumsatzes an britischen Börsen 50 Prozent ausmacht – und die anderen 50 Prozent Volumen konsequenterweise nicht mehr auf einer EU-27-Börse gehandelt werden dürften. Dazu gehören rund 230 Titel mit rund 2 Bill. Euro Handelsumsatz (2017). Auch deutsche Blue Chips könnte dies treffen. Assetmanager und Wertpapierdienstleister in der EU-27 würden vor Schwierigkeiten stehen, wie sie diese Titel handeln können, die Handelskosten dürften steigen.

Ein ungeregelter Brexit würde sich auch in anderen Bereichen niederschlagen. So könnten Lieferketten beeinträchtigt werden, was die wirtschaftliche Aktivität in Großbritannien, aber auch in der EU-27 belasten würde. Nicht nur an den Aktienmärkten dürfte dies zu einer Korrektur führen, auch könnte der Pfund-Kurs davon belastet werden. Währungsanalyst Jordan Rochester von der Großbank Nomura geht davon aus, dass im Fall eines Hard Brexit das britische Pfund stärker unter Druck geraten könnte als am Tag nach dem Brexit-Referendum. Gegenüber dem Euro hatte es damals zeitweise fast 8 Prozent und gegenüber dem Dollar zeitweise 11 Prozent verloren. Andere Währungsanalysten weisen jedoch darauf hin, dass das Pfund bereits sehr günstig bewertet sei und deshalb selbst bei einem No Deal kaum noch stärker einbrechen dürfte.

Ferner könnten britische Immobilienfonds in den Fokus rücken, sollten EU-27-Anleger in größerem Stil Mittel daraus abziehen wollen. Auch könnten kleinere Unternehmen insbesondere im Zahlungsverkehr betroffen sein. Viele dieser Unternehmen sind in Großbritannien ansässig. Der Weg zum Brexit dürfte in den nächsten Tagen und Wochen noch manche Überraschung mit sich bringen. Sollte es zum Äußersten kommen, wird sich zeigen, wer die damit verbundenen Risiken auf die leichte Schulter genommen hat.

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