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Börsen-Zeitung: Spannender als Gold, Marktkommentar von Dietegen Müller

Frankfurt (ots) – Die bekannteste der sogenannten Kryptowährungen, Bitcoin, hat in wenigen Tagen einen Wertverlust von bis zu 45% erlitten. So genannt ist sie aber nicht wegen ihrer exorbitanten Volatilität, sondern weil es sich bei Bitcoin und Co. bisher nur um eine nicht eindeutig definierte Einheit handelt. In vielen Ländern ist der Kauf und Verkauf von Bitcoin zwar legal, aber Kryptowährungen sind nicht als Zahlungsmittel anerkannt. Ausnahmen gibt es, so gelten Bitcoin in Japan seit diesem Jahr als legale Zahlungsmethode. Und es gibt indirekte Formen staatlicher Anerkennung. In der Schweiz können Bitcoin an Fahrkartenautomaten der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bezogen werden. Mit Bitcoin könne “an über 10000 Akzeptanzstellen weltweit ohne Kreditkarte oder Bankverbindung schnell und bequem” bezahlt werden, so die Staatsbahn.

Im Grunde handelt es sich bei Kryptowährungen nur um einen digitalen Eintrag in einer als manipulationssicher geltenden Datenbank, die weltweit über das Internet nutzbar und dezentral organisiert ist. Kryptowährungen sind nichts anderes als dematerialisierte, also nur in virtueller Form existierende Wertansprüche, die im Idealfall auf eindeutige, also nicht fälschlicherweise mehrfache, sowie auf eine sofort endgültige Weise abgewickelt werden können. Anders als bei herkömmlichen Transfers sind dabei keine Vermittler im Spiel wie Banken, die mit viel juristischem beziehungsweise treuhänderischem Aufwand prüfen und nachweisen müssen, dass diese Transaktionen so wie von den Gegenparteien gewünscht stattgefunden haben und entsprechend verbucht wurden.

Da ein rechtlicher Rahmen für digitalisierte Werttransfers über das Internet erst in Herausbildung ist, sind viele Fragen nach der Durchsetzung von mit Kryptoeinheiten verbundenen Eigentumsansprüchen noch ungeklärt. Nicht zuletzt deswegen sind Behauptungen abwegig, Bitcoin stelle eine Alternative zu Notenbankgeld (“Fiat-Geld”) dar. Es geht bei Kryptowährungen – so weit bisher zu sehen ist – nicht darum, ob eine Geldproduktion dezentralisiert wird.

Nur weil aus Luft und Strom manipulationsresistente Datenbankeinträge geschaffen werden können, besitzen diese Einträge ja an sich noch keinen Wert. Sie erhalten diesen erst nach einer – wie auch immer geformten – Anerkennung. Solange diese fehlt, haben nur die dezentralen Systeme, die Kryptowährungen zugrunde liegen, einen Wert. Der kann volkswirtschaftlich betrachtet durchaus enorm sein. Durch den unmittelbaren Abschluss einer Transaktion zwischen zwei Gegenparteien kann eine Art Demokratisierung von Zahlungsflüssen stattfinden, weil die Kontrolle über diese Zahlungsbewegungen dezentral verteilt wird. Zweitens können durch die Digitalisierung von Beteiligungsrechten an (womöglich auch nur vermeintlich) werthaltigen Produkten oder Dienstleistungen auch Beteiligungsverhältnisse anders abgewickelt werden, und dies über das Internet auch global. Es ist durch das Internet möglich, diese Prozesse unabhängig von nationalen Rechtsräumen zu nutzen.

Es laufen aber auch Anstrengungen, etwa durch Erkennungssoftware (sogenannte Deep Packet Inspection) Blockchain-Transaktionen aus dem Internetverkehr herauszufiltern und damit entsprechende Geschäfte zu blockieren. China exerziert dies gerade vor. Dies zeigt das revolutionäre Potenzial, das in der Neuorganisation von Werttransfers über das Internet liegt und in der Möglichkeit, digitale Zertifikate zu schaffen, die mit allen möglichen Ansprüchen hinterlegt sein können, seien es Edelmetalle, Einnahmeströme aus Lizenzen oder Leistungen oder auch Eigentumsrechte, und diese über das Internet auszutauschen.

Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den technologischen Grundlagen verschiedener Kryptowährungen. Sie haben Einfluss darauf, welche Rolle solche künftig spielen. Werden sie eine Parallelwährung zu Notenbank- und Geschäftsbankengeld – was Doppelspurigkeiten und damit höhere Systemkosten bedeuten dürfte? Oder werden Kryptowährungen letztlich obsolet, weil Notenbanken und Geschäftsbanken ihre Zahlungsverkehrssysteme modernisieren und für dematerialisierte globale Werttransfers öffnen? Oder entwickeln sich Kryptowährungen hin zu hoch spezialisierten, global handelbaren, digitalisierten Wertzertifikaten?

Bitcoin und Gold in einem Atemzug als mögliche Alternative zu einer von Schulden und lockerer Geldpolitik korrumpierten Zentralbankwährung zu nennen, ist vom falschen Ende her gedacht. Die Bitcoin zugrunde liegende Technologie kann weit mehr als Gold und ist spannender. Aber es gibt keinen Grund, sie deswegen als werthaltige Anlage zu betrachten. Und traditionelles Geld dürfte noch lange die Rolle eines Referenzpreises für Kryptoeinheiten einnehmen.

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