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Börsen-Zeitung: Spitzenmäßig, Marktkommentar von Dietegen Müller

Frankfurt (ots) – Wieder eine Woche der Rekorde in Frankfurt – Dax, MDax, SDax haben Niveaus erreicht oder übertroffen, die vielfach, wenn überhaupt, erst für das Jahresende als erreichbar galten. Europa ist wieder “en vogue”. Der als wahrscheinlich eingestufte Wahlsieg des gemäßigten Kandidaten Emmanuel Macron im französischen Präsidentschaftswahlkampf hat das “Frexit”-Risiko aus dem Markt gedrängt. Ablesbar auch am rückläufigen Risikoaufschlag von französischen Staatspapieren gegenüber deutschen Bundesanleihen. Noch dazu ging es zuletzt auch mit dem Euro wieder aufwärts. Auch auf der anderen Seite des Atlantiks besteht wenig Grund zum Jammern. Der Dow Jones Industrial stagniert zwar seit zwei Monaten, doch liegt er immer noch rund 15 Prozent höher als am Tag vor der Wahl Donald Trumps zum 45. US-Präsidenten.

Somit wurden jene warnenden Stimmen Lügen gestraft, die vor hohen Bewertungen in vielen Assetklassen, namentlich US-Aktien und Anleihen, sowie vor negativen Folgen von Protektionismus, erratischen politischen Entscheidungen und steigender Verschuldung gewarnt haben. Die Bewertungen sind munter weiter gestiegen. Gemessen am zyklisch bereinigten Kurs-Gewinn-Verhältnis muss für die Aktien des S&P Composite rund das 29-Fache des Gewinns der vergangenen zwölf Monate bezahlt werden. Auch Europa, das mit einem Abschlag von 10 bis 15 Prozent zu den US-Titeln gehandelt wird, ist nur relativ betrachtet günstig. Analysten führen diese gute Performance auf das prozentual zweistellige Wachstum der Unternehmensgewinne zurück und auf die weltweit fast synchrone Konjunkturdynamik. Auch die Schwellenländermärkte haben sich ordentlich entwickelt – selbst dort sind die Bewertungen nicht mehr günstig, ausgenommen vielleicht Russland oder die Türkei.

Es macht wenig Spaß, Spielverderber zu spielen, wenn die Party spitzenmäßig läuft. Abgesehen von den gestiegenen Bewertungen haben zuletzt jedoch einige Warnzeichen aufgeleuchtet, die nicht ignoriert werden können. So ist der Eisenerzpreis an den asiatischen Märkten unter Druck, was auf ein Überkapazitätenproblem hindeutet oder auf eine sinkende Nachfrage – beide Male dürfte dabei die Situation in China ausschlaggebend sein. Der Einbruch der Eisenerzpreise hat auch Minenaktien belastet, besonders hart traf es Fortescue Metals Group aus Australien.

Auch der Einbruch des Ölpreises mit gleichzeitig verbundenen hohen Umsätze an den Terminmärkten wirft Fragen auf. Am Freitag stürzte der Preis für ein Fass der US-Sorte WTI zeitweise unter 44 Dollar und lag damit rund 20 Prozent tiefer als im Februar. Der steigende Anteil der US-Ölproduktion unterläuft die vom Ölkartell Opec unternommenen Bemühungen, mit Förderbegrenzungen ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage im Markt herzustellen, hieß es. Auch ein großes Absicherungsgeschäft des mexikanischen Ölriesen Pemex habe zu einer sich selbst verstärkenden Verkaufswelle geführt. Der auf den Ölmarkt spezialisierte Hedgefonds-Manager Pierre Andurand soll dem Vernehmen nach zudem seine letzte Long-Position aufgelöst haben.

Die Ölpreisbaisse droht ein altbekanntes Spiel in Gang zu setzen; Hochzinsanleihen aus dem Energiesektor gerieten unter Druck. Für die Großbank UBS birgt ein Fall des Zwölfmonatskontrakts in Richtung 40 Dollar das Risiko einer neuen High-Yield-Krise. Auch belastet der sinkende Ölpreis die Budgets Öl exportierender Länder. Andererseits stimuliert ein niedrigerer Ölpreis den Konsum in den auf den Import des schwarzen Goldes angewiesenen Ländern und entlastet die Leistungsbilanz, namentlich im Fall der Türkei und Indiens, aber auch Chinas. Da die Ansteckungsrisiken für den Finanzsektor begrenzt sein dürften, überwiegen aus dem fallenden Ölpreis in Summe die Vorteile für die Weltwirtschaft.

Andererseits führt ein sinkender Ölpreis zu sinkenden Inflationserwartungen. Die Wahrscheinlichkeit der Reflationierungs-Story, die in begrenztem Maß gespielt wurde, nimmt ab. Investoren finden sich also in einem altbekannten Gleichgewicht des Schreckens wieder: auf der einen Seite die Angst, dass fallende Rohstoffpreise Anzeichen eines Wachstumsabbruchs sein könnten und die Gewinnerwartungen zu hoch sind. Andererseits aber auch die Suche nach Rendite verbunden mit dem Ausweichen in risikoreichere Assets. Diese Angst, Rendite zu verpassen, dürfte die Aktienkurse weiter stützen oder aufblasen. Eine Eskalation in Nordkorea oder neue Probleme in der Eurozone könnten dieser Form des Gleichgewichts aber ein jähes Ende setzen.

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